Tagebuch mit meinem Pferde (nach einer Idee von Bruno B.)

Tagebuch mit meinem Pferd

Was ich von meinem Pferd lerne oder warum fällt mir Wegschicken so schwer?

Wir kennen uns jetzt mehr als zwei Jahre. Ich habe Dich stundenlang mit dem Halfter gestreichelt, damit du keine Panik  mehr bekommst, wenn ich Dir das Ding auf den Kopf ziehe. Ich bin mit Dir spazieren gegangen und hab Dir so ziemlich alles gezeigt, wovor Du Angst haben könntest. Am meisten erschrecken Dich Kaltblüter vor einem Wagen gespannt, wenn sie im Trab auf Dich zukommen. Der Typ auf dem Kutschbock hat nicht alle Latten am Zaun. Der sieht uns und schreit Hüh! Ok. Wieder eine Erfahrung für uns Beide: Es gibt auch Komische unter Pferdeleuten.

Ein  Mann auf Inlinern, der den Berg runter gerast kommt und genau vor Dir quietschend bremst, lässt Dich völlig kalt. Dafür ist eine blaue Plastiktüte Auslöser eine Panikattacke. Sie könnte uns schließlich anspringen und auffressen.

Immer, wenn ich auf Deine Koppel komme, rührt es mich, wenn Du auf mich zukommst und ich Dich wie selbstverständlich aufhalftere und Du voller Vertrauen mit mir kommst.

Am besten kommen wir miteinander klar, wenn ich mir meiner Sache ganz sicher bin. Und jetzt kommt das Longieren… Du Pferd sollst dabei um mich herum laufen, ich habe den Job, Dir den Weg vorzugeben. Hinten treiben, vorne aufmachen. So weit so gut. Klappt auch ganz gut mit anderen Pferden, die das Spiel schon kennen.  Mit  Dir dreh ich mich wie ein Brummkreisel und du bleibst geduldig, ständig an meiner Seite. Geh ich rückwärts (hinter Deine Schulter) gehst Du auch rückwärts.  Mich beschleicht langsam der Verdacht, dass Du mich longierst, statt ich Dich. Was für ein herrlicher Zufall, dass gerade ein Kurs mit Bruno B. läuft. Ein Trainer, den ich sehr schätze. Ein blutjunges Mädchen, ein Teenager arbeitet mit einem Jährlingshengst. Sie führt ihn über den Reitplatz, nimmt den Taktstock in die andere Hand, treibt damit das Pferd nach außen, dreht sich um und… das Pferd läuft um sie herum. Ein Kinderspiel – denk ich. Speicher es so gut wie es geht im Schädel und mach mich auf zu Dir.

Tja es wäre auch zu schön gewesen, hätte es geklappt. Es hat natürlich nicht geklappt. Wir beide drehen uns wie die Brummkreisel, doch ich schaffe es einfach nicht, Dir zu sagen, was ich will. Mir wird klar, ich brauche Hilfe.

Eine erfahrene Pferdefrau kommt und schaut uns bei unseren Drehübungen zu. Ich bewaffne mich mit einem extra langen Taktstock und nach einigen erfolglosen Versuchen greift sie ein. Sie schafft es tatsächlich, mein Pferd um sich herum zu bewegen. Was macht sie anders als ich? Sie ist klar in den Ansagen, sie setzt sich durch, lässt sich nicht beeindrucken. Mein ach so sanftes Pferd kann tatsächlich drohen und steigen.  Und es ist völlig konsterniert – die Nüstern das ganze Pferdegesicht sind eine einzige Entrüstung. Und plötzlich sieh es sieht mich am Rand stehen und versteckt sich hinter mir! Sowas hat auch die Erfahrene noch nicht gesehen. „Es ist schön, wenn Du so eine innige Beziehung zu Deinem Pferd hast, aber jetzt musst Du zeigen, dass Du der Chef bist.“ Wumms das sitzt. Mit klopfendem Herzen nehm ich das Arbeitsseil und den Takstock und versuche es wieder und wieder.  Langsam bekomme ich ein Gefühl dafür. Heureka! Das Pferd läuft um mich herum und wir beenden die Übung für heute. „Es ist wichtig, mit einem positiven Ergebnis aufzuhören“, sagte die Pferdefrau und das leuchtet mir ein. Mein Pferd und ich beruhigen uns wieder und ich bring es zurück zu den anderen auf die Koppel.

Nachts im Bett gehe ich alles noch einmal durch. Warum verdammt fällt mir das Wegschicken so schwer? Vermutlich steckt da eine subtile Angst dahinter, mein Pferd könnte sich von mir abwenden, nicht mehr freudig auf mich zukommen. Aber was soll das werden, wenn sie mich nicht als Boss akzeptiert? Sie später als ausgewachsenes Pferd mir auf der Nase rumtanzt. Dann wird es gefährlich. Also muss ich daran arbeiten.

Am nächsten Tag fahr ich mit dem Rad zum Stall. Die knapp 15 Kilometer geh ich noch mal alles durch. Stehenbleiben, hinten treiben, vorne aufmachen – nichts durchgehen lassen. Und sicher sein, dass es klappt.

Dieses Mal ohne Hilfe, aber ich vertraue einfach. Und es klappt tatsächlich. Natürlich nicht perfekt Richtung völlig egal. Aber hey sie hat es begriffen – sie läuft um mich herum und nach recht kurzer Zeit sogar ziemlich entspannt. Ein guter Moment, um heute mit dem Üben aufzuhören. Wir machen noch einen Spaziergang und ich bringe ein sichtlich zufriedenes Pferd zurück zu seinen Kumpels. Am nächsten Tag kommt es freudig wie immer auf mich zu.